Zur Lage der Drogenabhängigen in Kiel


Allgemein, Themen / 1. Dezember 2020

Die Sucht-und Drogenbeauftragte des Landes Angelika Bähre referierte im Sozialausschuss über die Lage der Drogenabhängigen in Kiel. Sie schätzt, dass mehrere Tausend Menschen Heroin oder Kokain konsumieren. Das ist allerdings nur eine grobe Annäherung, ausgehend von der Anzahl der getauschten Spritzen.

1.350 Menschen substituieren legal in Kiel, das heißt sie erhalten ein Ersatzmittel wie Methadon, um den Suchtdruck zu nehmen. Damit ist Kiel in Relation zur Bevölkerung die Substitutionshauptstadt von Deutschland.

Mehr Drogentote

Die Polizeistatistik weist 51 Tote für Drogentote für Schleswig-Holstein im Jahr 2019 aus. Die Tendenz zu steigenden Todeszahlen liegt paradoxerweise an Fortschritten in der Drogentherapie.Es sterben jetzt vermehrt Konsument*innen, die schon sehr langfristig Drogen konsumieren. Dank Substitution werden Abhängige deutlich älter als früher. 75 Prozent der verstorbenen Drogenabhängigen sind jetzt über 50. Sie haben dann aber viele gesundheitliche Probleme und sind früh gealtert. Typische Krankheiten sind Leberkrebs und Hepatitis C.

Kokain, Cannabis etc

Der Konsum von Kokain hat stark zugenommen, berichtet Frau Bähre. Das läge daran, dass Kokain gesellschaftlich akzepierter sei als Heroin. Es sind oft Selbstständige, die hart arbeiten und in ihrer Freizeit Kokain konsumieren und in die Sucht rutschen. Kokain gelte als Partydroge und – man mag es kaum glauben – als Naturprodukt und damit sicherer als synthetische Partydrogen. Eine Rolle spielt auch der gesunkene Preis.

Auch medizinische Opiate werden konsumiert, oft von Schülern, die ihren Eltern Medikamente wie Tramal entwenden. Diese medizinischen Opiate werden aber auch von Dealern vertrieben.

Unter jungen Leuten hat Cannabis heute einen Stellenwert ähnlich wie Alkohol. Das ist problematisch, weil das Cannabis von heute gehaltvoller ist, als die Hippiedroge der Großeltern. Das moderne Cannabis kann zu Psychosen und Depressionen führen. Frau Bähre warnte außerdem über die besondere Gefahr von Drogen bei jungen Leuten, denn das Gehirn ist erst mit 25 voll entwickelt.

Der reine Heroinkonsum ist beinahe ausgestorben. Typisch ist dagegen der polyvalente Konsum, oft auch in Verbindung mit Substitution.

Hilft ein Drogenkonsumraum?

Der Sozialausschuss sprach sich mehrheitlich, bei Ablehnung durch die CDU, für einen Drogenkonsumraum aus. Der nächste Schritt ist die Beratung in der Ratsversammlung. Umgesetzt werden kann das Projekt erst, wenn auch das Land SH einverstanden ist.

Die Vorteile zur Schadensminimierung sind zahlreich:

  • Alte Spritzen können gegen neue getauscht werden.
  • Konsumierende kommen hier eventuell das erst Mal in Kontakt mit Hilfestellen.
  • In diesem Raum können sie sicherer spritzen oder inhalieren als auf der Straße.

Diesen Vorteilen stehen allerdings auch erhebliche Kosten gegenüber. Erfahrungen in anderen Städten haben gezeigt, dass so ein Konsumraum nur angenommen wird, wenn er täglich acht Stunden geöffnet ist. Bei kurzen Öffnungszeiten von etwa zwei Stunden kommt niemand. Es müssen also ganztags gut ausgebildete Sozialarbeiter*innen und medizinisches Personal anwesend sein. Frau Bähre schätzt den Betrieb eines Drogenkonsumraums unter diesen Bedingungen auf 900.000 Euro im Jahr.

Sozialdezernent Gerwin Stöcken sieht einen Drogenkonsumraum als problematisch. Er sagte: “Wenn wir das nur in Kiel machen, hat Kiel noch mehr Anziehung.”

Frau Assaeva (CDU) bezeichnete einen Drogenkonsumraum als Paradigmenwechsel in der Drogenpolitik der Stadt. Das würde zu Lasten der bestehenden Institutionen gehen. In der Diskussion waren sich alle Befürworter einig, dass der Konsumraum nur ein Add-On sein dürfe.

Wenn Drogenkonsumraum, dann richtig!

Frau Bähre erwähnte ein großes Problem bei der Ausgestaltung so eines Raumes. Einige Bundesländer schließen den Beikonsum bei Substituierten aus. Damit wird aber ein großer Kreis von Drogenabhängigen aus dem Konsumraum ausgeschlossen. Die meisten Substituierten nehmen doch noch Rauschmittel nebenbei und unterlaufen mit diesem Verhalten gewissermaßen den Sinn der Substitution.

Bei der Konzipierung eines Drogenkonsumraums sollte auch darauf geachtet werden, dass es Angebote für Frauen, etwa separate Öffnungszeiten gibt. Denn die Erfahrung hätte gezeigt, dass Frauen das Angebot sonst kaum nutzen würden, erklärte Frau Bähre.

Anna-Lena Walczak (SPD) fasste wohl die Mehrheitsmeinung im Sozialausschuss über den Drogenkonsumraum zusammen: “Es ist ein Weg für einen menschenwürdigen Umgang mit Menschen, die ein normales abstinentes Leben nicht so einfach schaffen.”

Damit Kiel einen Drogenkonsumraum bekommen kann, müsste das Land eine entsprechende Verordnung erlassen.

Volksdroge Nummer eins ist übrigens immer noch der Alkohol. Ganz legal im Supermarkt erhältlich.

(Das Foto zeigt einen Spritzenautomat an der Ecke Kaiserstraße /Karlstal.)

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3 Replies to “Zur Lage der Drogenabhängigen in Kiel”

  1. Anstatt zu versuchen, die Menschen (welche an einer solchen Sucht leiden) aktiv von der Abhängigkeit zu befreien, wird stattdessen lieber eine Umgebung geschaffen, wo diesen nur bei der hygienischen Einnahme der Stoffe (welche z.T. gestreckt mit irgendwas sind) geholfen wird. Zugleich wäre so ein Raum auch nur 8 Stunden am Tag geöffnet (als ob die Leute nur einmal am Tag die Sucht befriedigen wollen/müssen), d.h. die schweren Fälle würden weiterhin zu einer Stunde ihrer Wahl inhalieren oder sich ‘ne Nadel setzen. Und dann noch ~900.000 Euro im Jahr für solch einen Raum ausgeben?

    Das Ganze ist eine Farce, genau wie die Obdachlosenunterkünfte, wo die kurzzeitigen Bewohner nachts untereinander stehlen/bestohlen werden (und dann bitte auch direkt früh am Morgen wieder in die Kälte gehen, danke).

    Man könnte auch das Geld in die Hand nehmen und Drogenabhängigen direkt bei der Suchtbekämpfung helfen. Kalter Entzug, nein (obwohl der Zwang zu einem Minimum an Konsum dazu eventuell helfen könnte), aber man kann den Leuten dennoch bei der Bekämpfung helfen und beistehen bzw. Sozialarbeit leisten. Dafür muss (bzw. sollte) den Leuten beim Konsum nicht geholfen werden.

    1. Es ist nicht so einfach, den Abhängigen zu helfen, sich von der Sucht zu befreien. Beratungsstellen und Ambulanzen, die das versuchen, die so ein Angebot machen, gibt es auch in Kiel, auch in Gaarden, wo sich die meisten Drogenabhängigen befinden. Aber Sucht ist ein vertracktes Thema, es ist nicht so einfach.

  2. Ein Konsumraum in Kiel wir meiner Meinung nach dringend benötigt. Es sind im letzten Jahr, nachweislich vielleicht, 55 Menschen gestorben. Die Dunkelziffer ist vermutlich weitaus höher.
    Die Gegenargumente von Seiten der Opposition, können ganz leicht entkräftigt werden.
    1. Ist es völliger Blödsinn, dass für Frauen extra Räume oder Öffnungszeiten bedacht werden müssen. Hat in anderen Städten, mit Konsumräumen, noch nie Probleme gegeben. Gehe ich unten noch mal drauf ein. Oder war ein Bedürfnis.
    2. Sind 8 h völlig ausreichend. Auch Menschen die Drogen nehmen, schlafen Nachts.
    3. Den Andrang aus anderen Städten, könne man damit umgehen, dass evt. nur Kieler/innen, den Konsumraum nutzen dürfen (Beispiel, Bielefeld) Was ich persönlich problematisch finde, wegen des Datenschutzes.
    Ausserdem denke ich nicht , dass Leute aus angrenzenden Städten, extra zum konsumieren, nach Kiel kämen.
    Die kommen zum Erwerb ohnehin. Die ganze Diskussion zeigt meiner Meinung nach, dass es doch letztlich nur um die Finanzierung geht.
    Drogengebrauchende Menschen gibt es in Kiel nun mal. Die werden durch Verbote, Repressalien etc. auch nicht weniger.
    Das Menschen sterben, liegt auch daran, dass Drogen nicht getestet werden können. Was in einem Konsumraum auch möglich sein müsste. Kokain ist unglaublich günstig geworden und an vielen Orten ganz einfach zum Teil für 15 Euro zu bekommen. Die meisten Menschen, sind letztes Jahr übrigens entweder an einer Überdosis Kokain oder an verunreinigtem gestorben.
    Langfristig werden Kokain konsumieren Menschen, an der Beimischung eines Wurmschutzmischung sterben, mit dem Kokain gerne gestreckt wird und die inneren Organe zerfrisst.
    Welche Erfahrung, hat denn gezeigt, dass Frauen einen gemischten Konsumraum nicht annehmen?
    Die Hamburger, wohl kaum. Dort wird er genau so von Frauen als auch von Männern angenommen. Ganz im Gegenteil. Frauen, die draußen alleine konsumieren, laufen Gefahr überfallen oder ausgeraubt zu werden.
    Hat von diesen Politiker/innen, sich mal jemand die Mühe gemacht, mit den Menschen, die es betrifft zu sprechen?
    Ich möchte gewiss nicht rumunken. Aber das es mit der Finanzierung, von den niedrig schwellig arbeitenden Angeboten oder überhaupt für die Drogenhilfe im allgemeinen nicht weit her ist, dürfte jetzt kein großes Geheimnis sein. Und wenn die dann vom ohnehin kleinen Kuchen, auch noch ein Stück abgeben müssen, würde es mich nicht überraschen, wenn von deren Seite die Begeisterung für einen Konsumraum, eher gering ausfiele. Was ich denen nicht mal verdenken kann, bei deren Budget. Wobei ich von deren Argumenten oben gar nichts gelesen habe. Wer waren denn die Menschen, deren Erfahrung etwas gezeigt hat???
    Zum Vorbild wäre der Konsumraum in Hamburg ideal. Dort werden jetzt, zu Corona Zeiten, Menschen völlig unbürokratisch ohne Krankenversicherung mit einem Substitut versorgt. Das alles ist natürlich eine Kostenfrage und wieviel einem Bundesland seine Menschen wert sind.
    Denn auch Drogen gebrauchende, sind Menschen, die nicht sterben wollen, sondern an einer anerkannten Krankheit leiden. Eine
    Interessenvertretung von Drogen gebrauchende Menschen gibt es übrigens auch.
    JES Kiel

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