Medibüro Kiel


Allgemein, Themen / 6. Juli 2016

P1060559“Gute Frau!” ruft der Osteuropäer mit dem Akkordeon, als die Röntgen-Assistentin Gesche Paulsen an ihm vorbei geht, und spielt ihr ein Ständchen zum Dank für die medizinische Hilfe, die sie ihm über das Medibüro vermittelte.

Das Medibüro hilft Menschen ohne Krankenversicherung, eine medizinische Behandlung und Medikamente zu bekommen. Das funktioniert so: Die Hilfesuchenden kommen in die Sprechstunde und stellen ihr Problem vor. Es sind immer zwei Personen anwesend, von denen eine medizinische Grundkenntnisse hat und die andere sich im Netz der Hilfsorganisationen auskennt. Nachdem das Problem erfasst wurde, bekommt der Kranke einen Termin bei einer kooperierenden Arztpraxis und einen Behandlungsschein, den er dort vorlegt.

Die kooperierenden Ärzte können ihr Engagement genau dosieren. Manche geben Vorab-Termine, andere begrenzen die Zahl der Patienten. Zur Zeit stehen neun Allgemeinärzte, einige Frauenärzte, sowie einzelne andere Fachärzte auf der Liste, auch Hebammen, Psychologen und Dolmetscher, sowie ein Labor und zwei Apotheken. Die Ärzte behandeln ganz überwiegend kostenlos, für teure Spezialuntersuchungen müssen Spendengelder verwendet werden. Die Apotheken im Programm schenken die Medikamente oft.

Die größte Gruppe der Hilfesuchenden sind Bulgaren und Rumänen. Als EU-Bürger dürfen sie sich legal in Deutschland aufhalten um hier Arbeit zu suchen. Aber solange sie keinen Job finden, sind sie meistens auch nicht krankenversichert. Viele waren schon in ihrer Heimat ohne Versicherungsschutz.

Eine andere Gruppe von Menschen ohne Versicherungsschutz sind Geflüchtete, die sich nicht registrieren ließen aus Angst vor Abschiebung. Häufig sind es ausländische Studenten, deren Aufenthaltsgenehmigung mit Ende des Studiums endete. Es können aber auch Geflüchtete aus angeblich “sicheren Herkunftsländern” sein oder nachgezogene Verwandte, die sich keine Chance auf Asyl ausrechnen, und deshalb verdeckt hier leben. Schätzungsweise 1000 bis 10 000 Menschen ohne geklärten Aufenthaltsstatus leben in Schleswig-Holstein.

Asylbewerber haben übrigens eine – wenn auch eingeschränkte – Gesundheitsversorgung. In Schleswig-Holstein gibt es seit einigen Monaten sogar eine Chipkarte, mit der sie zum Arzt gehen können.

Das Kieler Medibüro wurde 2010 gegründet. Seitdem suchten 1215 Menschen hier Hilfe, davon 231 letztes Jahr.

Thomas Schroeter, einer der Gründer, sagt über die Arbeit: “Es gibt auch Grenzen für uns. Bei komplexen Untersuchungen und vor allem bei Suchterkrankungen und psychischen Erkrankungen kann hier meistens nicht geholfen werden”. Auch Operationen, sofern sie nicht Notfälle sind, werfen Probleme auf. Es hat aber einige Fälle gegeben, bei denen die Operateure besondere Preise gemacht haben, die durch Spenden bezahlt werden konnten.

Soweit wie möglich übernehmen die Hilfesuchenden einen Teil der Kosten. Nicht alle, die keine Versicherung haben, sind auch mittellos.

Das Medibüro zahlt eine Geburtenpauschale für Entbindungen in einer der Kieler Frauenkliniken.

“Wir sind eine Organisation, die sich eigentlich abschaffen will”, sagte Christoph Krieger, einer der Aktiven, auf einem Infoabend. Die politische Arbeit des Medibüros zielt eigentlich darauf ab, eine reguläre medizinische Versorgung für Menschen “ohne Papiere” zu erreichen. Anonymer Krankenschein ist das Zauberwort. Damit könnten Menschen ohne Angst vor Aufdeckung zum Arzt oder ins Krankenhaus gehen.

Einige Entwicklungen der letzten Zeit gehen in die gewünschte Richtung. So stellte das Gesundheitsamt eine Gynäkologin ein, die Frauen anonym und kostenlos behandelt. Außerdem übernimmt die Stadt die Kosten für die Impfungen aller Säuglinge.

Das Medibüro finanziert sich zu 100 Prozent aus privaten Spenden. Um von politischen Vorgaben unabhängig zu bleiben, verzichtet die Organisation ganz bewusst auf staatliche Unterstützung und möchte sich auch nicht in staatliche Strukturen integrieren.

Zur Zeit engagieren sich hier etwa 15 Ehrenamtliche. Verstärkung wird gewünscht! Wenn Du einen medizinischen oder sozialpädagogischen Hintergrund hast, oder Bulgarisch, Rumänisch oder Arabisch sprichst, oder das Medibüro in anderer Weise unterstützen möchtest, kannst du hier eine beglückende Freizeitbeschäftigung im Dienste einer wirklich guten Sache finden.

Wenn Du Interesse an einer Mitarbeit hast, dann komm zum Plenum ( 14-tätig mittwochs um 17 Uhr im Sohienblatt 64a) und lerne das sympathische Team kennen. Termine unter www.medibuero-kiel.de

Kontakt:

Medibüro Kiel

c/o ZBBS

Sophienblatt 64a

Tel: 01577 189 44 80

Sprechstunde. Dienstag 15.30 – 17:30

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