Karin Priens Vorstellungen für Grundschulen in der Kritik

Die glücklichsten Deutschen leben in Schleswig-Holstein, hat eine kürzliche Meinungsumfrage ergeben. Allerdings können die Kinder in diesem wunderbaren Bundesland weniger gut Mathe als in acht anderen Bundesländern. Die Viertklässler belegten im IQB-Bildungstrend nur den 9. Platz (von 15).

Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien reagierte auf die für sie enttäuschenden Ergebnisse mit einem Bündel an Maßnahmen, die sie im Bildungsausschuss des Landtags vorstellte. Dazu gehört: die beiden zusätzlichen Unterrichtsstunden, die an den Grundschulen eingeführt wurden, sollen die Schulen ausschließlich für Mathe und Deutsch verwenden. Außerdem sollen Schulen stärker von der Schulaufsicht beobachtet werden.

Darauf reagierte der VBE SH (Verband Bildung und Erziehung) mit einer Presseerklärung, die hier leicht gekürzt folgt:

„Grundschulen haben einen ganzheitlichen Bildungsauftrag
– angekündigte Maßnahmen sind nicht zielführend

Mit Irritation hat der VBE SH die von der Bildungsministerin Karin Prien angekündigten Maßnahmen auf die Ergebnisse der IQB Studie wahrgenommen.


„Ziemlich eindimensional und in der Form nicht zielführend“, so beschreibt Christian Schmarbeck, Landesvorsitzender des VBE SH den ersten Eindruck.


„Die Schlussfolgerung, dass mangelnde Leistungen in Mathematik und Deutsch einfach durch mehr Unterrichtsstunden begegnet werden könnte, greift zu kurz“, so Schmarbeck. „Wir haben anlässlich der Ankündigungen aus dem Ministerium viele E-Mails von Lehrkräften
erhalten. Insgesamt sind die Lehrkräfte fassungslos ob der Äußerungen. Mehrfach fiel das sprachliche Bild des „vor den Kopf gestoßen Werdens“.


Diese Form der Kommunikation trägt definitiv nicht dazu bei, dass Ergebnisse bei Studien besser werden. Schon gar nicht hilft sie bei der Suche nach dem so dringend gebrauchten Lehrkräftenachwuchs.


An vielen Stellen im Land fehlen ausgebildete Grundschullehrkräfte. Eine Erhöhung der zu unterrichtenden Stunden zu fordern und die Schulen dann mit der Personalfrage alleine zu lassen, sorgt für Unverständnis. Wie sollen die Schulen das vor Ort regeln, wenn schon jetzt an vielen Stellen engagierte Menschen ohne jegliche Lehramtsausbildung im Unterricht eingesetzt werden müssen, um die Verlässlichkeit aufrecht zu erhalten?


Und, um es ganz deutlich zu sagen: Der implizite Vorwurf, dass die Lehrkräfte einfach nur besser unterrichten müssten und dann wären die Ergebnisse in Vergleichsarbeiten signifikant besser, hilft
niemandem! Viel hilfreicher wäre hingegen, wenn in den Schulen der Unterricht wieder in den Fokus rücken kann und erstens endlich multiprofessionelle Teams in den Schulen installiert würden und
zweitens Lehrkräften wieder die Zeit zugestanden wird, die für eine angemessene Vorbereitung des Unterrichts unabdingbar ist – gerade in sehr heterogenen Lerngruppen.


Auch gerät aus dem Blick, dass hier ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, fehlendes Lesen und fehlende Kommunikation in den Familien, dafür steigende Medialisierung, wieder einmal allein durch
die Arbeit in den Schulen gelöst werden soll.


Lehrkräfte hätten mit Sicherheit Ideen, wie sie die Lesekompetenz fördern könnten. Leider werden sie aber mit anderen Aufgaben überhäuft und das aufgrund von Vorgaben aus dem Ministerium.

„Selbstverständlich gibt es Dinge, über die man in den Austausch gehen kann. Wenn tatsächlich ein belegbarer Zusammenhang zwischen einzelnen Lehrwerken und entwickelten Kompetenzen besteht, sind wir Lehrkräfte froh über solche Hinweise und ebenso so selbstverständlich auch bereit, die Lehrwerkauswahl zu hinterfragen und anzupassen“.


Die Idee hingegen, Unterrichtsstunden „umzuwidmen“, um sich auf Mathematik und Deutsch zu konzentrieren, konterkariert den ganzheitlichen Bildungsauftrag der Grundschule. Musisch-
ästhetische Bildungsangebote, Sport und Bewegung sind nicht weniger wert, sondern tragen wesentlich zur Gesamtentwicklung der Kinder bei. Und sie ermöglichen auch den Schülerinnen und Schülern Selbstwirksamkeits-Erlebnisse, die in Mathematik oder Deutsch noch Schwierigkeiten haben.


Darüber hinaus bieten sich dort andere Möglichkeiten der positiven Beziehungsgestaltung an. Nach wie vor besteht der Auftrag, die pandemiebedingten, fehlenden Sozialerfahrungen nachzuholen, psychische Belastungen von Kindern zu erkennen und auch hier unterstützend zu agieren. Soll das jetzt ausgesetzt werden, wenn mehr Mathematik und Deutsch unterrichtet werden
muss?


Eine Schule, die durch stetiges Messen den Blick auf das Defizit legt – aber dann nicht agieren kann – ist alles, aber nicht zukunftsfähig.


Der entstehende Eindruck, Schulen müssen sich bei schlechten Ergebnissen in Testungen vor der Schulaufsicht verantworten, wirkt aus der Zeit gefallen. Es sollte weniger darum gehen, wie Schulen, oft personell eng besetzt, jetzt unter Druck zu setzen, sondern vielmehr darum, Schulen und Lehrkräfte so auszustatten, dass sie ihrer Aufgabe wirklich nachkommen können. Lehrkräften den sprichwörtlichen „Schwarzen Peter“ zuzuschieben ist vielleicht die einfachere, aber mit Sicherheit nicht die zielführende Variante. „ Ende der Pressemitteilung.

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