Ein persönliches Erlebnis in Kiel am Tag der Novemberpogrome


Allgemein, Kultur, Stadtteile, Themen / 9. November 2018

Manchmal berühren mich kleine Gesten mehr als große Feiern. Heute Nachmittag so um 15 Uhr herum beobachtete ich, wie ein Frau auf der Holtenauer Straße die Stolpersteine vor dem Haus Nr 59 mit Metallreiniger putzte. Ich sprach sie an, und sie erzählte, dass sie von der Interventionistischen Linken sei und die Kieler Stolpersteine regelmäßig polieren würde. “Aber ich komme nicht so oft dazu, wie ich es eigentlich wünschen würde, “ räumte sie bescheiden ein.

Die Stolpersteine sind in das Pflaster eingelassenen Messingplatten mit den Namen von jüdischen Mitbürger*innen, die während der NS-Zeit ermordet wurden.Der Künstler Gunter Demnig hat 250 dieser Steine in Kiel verlegt und zwar immer vor dem Haus , in dem die Person zuletzt gelebt hat. Über 200 weitere Namen sind übrigens bekannt und könnten auch noch Stolpersteine erhalten. Dafür werden Spenden gesucht. http://www.stolpersteine.eu/

Aber weiter zu meiner Geschichte. Eine Ehrenamtliche vom Netzwerk-Laden kam mit zwei erwachsenen Schülern dazu. Sie erklärte in einfachen Worten die Bedeutung dieser Steine. Später unterhielt ich mich mit den Männern. Der eine Mann kommt aus Afghanistan und hatte auf YouTube einen Film über Hitler gesehen. Er wusste ziemlich gut Bescheid. Der andere Mann, ein Syrer, kämpft noch mit der deutschen Sprache und verstand meine Frage nicht.

Dieser Netzwerk-Laden koordinierte heute auch die Aktion “Stolpersteine – die Holtenauer leuchtet”. Es geht um ein Ritual zum Gedenken an die Novemberprogrome des 9. November 1938. Ich beschloss spontan, mich  anzuschließen.

Kurz nach 17 Uhr also im Netzwerk-Laden in der Holtenauerstraße 69. Wir bildeten kleine Gruppen. Ich gesellte mich zu einer Gruppe an, die zu einem Stolperstein vor dem Haus Jungmannstr. 28 ging. Die Zeremonie war einfach aber berührend.  Ein Teelicht wurde vor dem Stein aufgestellt, und eine der Frauen las die Biografie der deportierten Jüdin Helene Voss vor. Helene Voss war vermutlich mit einem nicht-jüdischen Mann verheiratet gewesen. Aber nachdem sie Witwe wurde, verlor sie jeden Schutz. Sie wurde mit hunderten anderer Juden aus Schleswig-Holstein in das KZ  Theresienstadt deportiert, wo sie nach etwa zwei Jahren starb.

Wir waren eine Gruppe von neun Frauen unterschiedlichen Alters. Die älteste hatte noch Kindheitserinnerungen an den Krieg. Zuerst bedauerten wir, dass kaum Passanten vorbei kamen. Einge Leute gingen zwar in das Haus oder kamen aus dem Haus heraus. Sie zeigten aber absolut kein Interesse an unserem Ritual, was etwas befremdlich war, weil sie quasi über das Teelicht steigen mussten. Aber dann war es auch schön, uns relativ ungestört zu unterhalten. Wir sprachen über diese Aktion und die Stolpersteine. “Man kann darauf ausrutschen. “ “Man muss eben gucken wo man hintritt.” “Es sind Stolpersteine im doppelten Wortsinn. “

Wir sprachen über Antisemitismus im Allgemeinen und im ganz Speziellen in Kiel. Gerade heute wurde bekannt, dass einige Stolpersteine vor der Muhliusstr. 77A mutwillig zerkratzt worden waren. Es gibt immer wieder aufgesprühte Hakenkreuze. Der Antisemitismus nimmt zu oder wird offener gezeigt, da waren wir uns einig.

Wir tauschten unser Wissen über die Situation der Juden während der NS-Diktatur aus. Das Leben in Theresienstadt. Das Judenhaus Kleiner Kuhberg. Das Leben der Juden in Kiel vor dem Nationalsozialismus.

Wie wir da so standen in der Dunkelheit mit unserem Teelicht wurde es einigen unter uns etwas feierlich zumute. Eine Frau sagte, vielleicht sieht Helene Voss jetzt, dass wir an sie denken. Eine andere Frau meinte sehr ernsthaft, wenn man einen Glauben hat, kann man besser mit Schwierigkeiten und sogar dem Tod umgehen. Und die Jüngste in der Runde meinte ganz streng, niemand weiß, wie es nach dem Tod weiter geht. Das weiß niemand.

Auf dem Weg nach Hause fragte ich mich, warum man überhaupt gedenkt und sich erinnert. Sicher hat das Gedenken an die Nacht der Pogrome auch die Funktion, Geschichte lebendig zu machen, auf dass sich schlimme Entwicklungen nicht wiederholen. Aber weil die Stolpersteine so persönlich und vor Ort gebunden sind, dachte ich, es wäre doch wirklich schön, wenn Helene Voss uns bei unserer kleinen Zeremonie zugesehen hätte. Dann wüsste sie , dass nicht vergessen wird, was ihr angetan wurde.

(Die Stolpersteine auf dem Foto erinnern an die Familie Metzger aus der Waisenhofstraße.)

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