Bericht vom ersten Kieler Samen-Fest


Allgemein / 25. März 2018

 

Die Landeshauptstadt Kiel lud zum ersten Kieler Samen-Fest ein, um auf die dramatische Lage auf dem Saatgut-Markt aufmerksam zu machen. Es wird immer schwieriger samenfeste Samen zu erhalten. Der Saatgut-Markt ist zunehmend konzentriert auf wenige Konzerne, die kein Interesse daran haben, dass GärtnerInnen oder LandwirtInnen eigenes Saatgut gewinnen und verwenden. Die Strategien, mit dem diese Autonomie verhindert werden soll, sind vielfältig. Darauf gingen die Vorträge ein. Aber um das Positive gleich am Anfang zu nennen: viele Menschen und Vereine, auch die regelmäßig stattfindenden Saatbörsen in Kiel, bemühen sich um die Verbreitung von gutem Saatgut.

Es spricht sich langsam herum: Nur samenfeste Samen produzieren Pflanzen, deren Saatgut sich zu sammeln lohnt. weil nur sie die Eigenschaften der Mutterpflanze replizieren. Die meisten Samen , die in Supermärkten und Baumärkten verkauft werden, sind F1-Hybriden. Das heißt die Samen produzieren in der ersten Generation tolle Pflanzen, aber schon in der zweiten Generation schlagen ältere Eigenschaften durch. Durch diesen Mechanismus sollen wir gezwungen werden, immer neues Saatgut zu kaufen.

In einem Markt der Möglichkeiten präsentierten sich einige Vereine, die sich der Entwicklung von samenfesten Gemüsesorten widmen.

  • VEN (Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt) setzt sich für den Erhalt von 2000 Sorten ein. Die Mitglieder bauen die alten Nutzpflanzen in ihren Gärten an und vermehren sie. http://www.gentechnikfreie-saat.org/projektpartner/ven.html
  • Das Kieler Unternehmen Rankwerk produziert und verkauft samenfestes Saatgut. Sie haben sich spezialisiert auf Produkte für das Home Gardening, das heißt Stadtgärtnern auf kleinem Raum. Das kann ein Balkon oder eine sonnige Ecke auf dem Hof sein. www.rankwerk.de
  • Saat:gut e.V. fördert ebenfalls die Züchtung von samenfestem Gemüse. damit die Landwirtschaft nicht völlig von Saatgut-Konzernen abhängig wird. . http://www.saat-gut.org/

Das Thema wurde vertieft in mehreren Vorträgen. Einer der Redner war der Schleswig-holsteinische Umweltminister Robert Habeck. Er findet, dass Samen Allgemeingüter sein sollten. Das entspäche aber nicht der politischen Realität, denn der Saatgut-Markt wird von wenigen Konzernen dominiert, die versuchen, sich möglichst viel patentieren zu lassen. Auf konventionelle Züchtungen gibt es zwar eigentlich kein Patent. Die großen Konzerne versuchen aber zunehmend durch einen bestimmten Trick auch konventionelle Züchtungen patentieren zu lassen. Wie das geht, schilderte Christop Then im nächsten Vortrag.

Ein anderes Problem ist laut Robert Habeck der Verlust von Pflanzensorten. “Es gibt 50.000 essbare Sorten, aber dreißig Sorten ernähren die Menschheit. “ Diese Verengung auf wenige Sorten kann zu Resistenzen führen. Es ist langfristig auch ökonomisch sinnvoll, die Varianz des Saatguts zu erhalten. Er versuchte selber als Minister, altes heimisches Saatgut in den Verkehr zu bringen, um diese notwendige Varianz zu fördern. Sein Ministerium hatte 100.000 Euro übrig. Davon kauften sie heimisches altes Saatgut und verschenkten es an alle, die mindestens einen Hektar Land zur Verfügung hatten. Nach zwei Tagen war das Saatgut vergriffen. Die coole Aktion soll wiederholt werden.

Robert Habeck wies auch noch auf ein anderes Problem hin. Neue Gentechnik ist nicht so leicht nachweisbar. Deshalb ist ein Gentechnik-Verbot heute viel schwieriger zu kontrollieren.

Was kann der/die Einzelne tun? Natürlich samenfeste Samen kaufen und verbreiten. Aber auch Online-Petitionen seien laut Habeck wirkungsvoll.

Wirklich erschütternd war der Vortrag von Christoph Then über die wirtschaftlichen und ethischen Folgen der Gentechnik. Kommt  demnächst in Teil 2 meines Artikels . Kiekt wieder rein!

Die Veranstaltung war sehr gut besucht. Leute mussten stehen und auf den Fensterbänken sitzen. Baudezernentin Doris Grondke bemerkte, das Thema Nachhaltigkeit würden in Kiel so viel Publikum anziehen wie kein anderes Thema.

Wenn du selber Samen sammeln möchtest, hier ist ein Blog mit hilfreichen Erklärungen: https://www.meine-ernte.de/rund-um-den-gemuesegarten/saatgut-gewinnen/

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