Unser Mann für Erinnerungskultur

Gerrit Schirmer
Gerrit Schirmer, Referent für Erinnerungskultur in Kiel

Gerrit Schirmer (30) kümmert sich in Kiel um die Erinnerungskultur. Im Februar wird er ein Jahr lang als Referent für Erinnerungskultur tätig gewesen sein. Zeit für eine Bestandsaufnahme. Was konnte er anstoßen, aufgreifen und was sind die weiteren Pläne?

Wir trafen uns in seinem kleinen Büro im Alten Rathaus. Bei einer Tasse Mate-Tee erzählte Gerrit Schirmer von seiner Arbeit , die ihn erfüllt und glücklich macht, wie er sagt. Es ist vor allem der Kontakt zu den wunderbaren Menschen , die die Kieler NS-Zeit aufarbeiten und vor dem Vergessen bewahren. Eine Rolle spielt aber wahrscheinlich auch, dass er eine Passion ausleben darf. Seit seiner Jugend interessiert er sich brennend für die Zeit des Nationalsozialismus, den Vorbedingungen und Konsequenzen. Dieses Interesse führte dann zu einem Masterstudium am privaten Touro College in Berlin, Fach: „Holocaust Communication and Tolerance Education“. Hier in Kiel kann er das Gelernte nun praktisch und konkret anwenden.

Was macht ein Referent für Erinnerungskultur eigentlich?

Zu seinen Arbeitsaufträgen zählt die Schaffung eines Begleitgremiums für Erinnerungskultur. Dieses Gremium wird bestimmte Themen initiativ in die Öffentlichkeit tragen und so immer wieder ein öffentliches Forum schaffen. Das Projekt ist noch in Planung. Er ist im Austausch mit Mahnmal Kielian (Flandernbunker), AKNS, Nordmark AK und vielen andere Gruppen und Einzelpersonen.

Sehr gut entwickelt sich eine Geschichtswerkstatt, die Gerrit Schirmer gestartet hat. Die Gruppe bereitet aktuell eine Ausstellung vor zum Thema Gaarden während der 30er und 40er Jahre. Es hat sich eine stabile Gruppe gebildet, Neue sind aber sehr willkommen. Bei Interesse bitte direkt bei Herrn Schirmer melden: Gerrit.Schirmer@kiel.de

Ein größeres Projekt, das er konzipiert hat,  ist die Feier zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Am 27. Januar wird auf dieser Feier daran erinnert werden, dass sich 2018 das Jahr 1938 zum 80. mal jährt. Im Jahr 1938 erreichte das NS-Regime eine neue Dimension der Brutalität. Im Mittelpunkt der Gedenkfeier wird die jüdische Familie Metzger stehen. Die Briefe der Textilkaufleute an ihre erwachsenen Kinder sind erhalten geblieben und dokumentieren den Alltag in einer Zeit zunehmender Not für die Kieler Juden. https://kielaktuell.wordpress.com/2018/01/13/kiel-und-die-ns-zeit

Gerrit Schirmer und sein Kollege Dr. Johannes Rosenplänter argumentierten gegen die angedachte Benennung einer Wiese zwischen Düppelstraße und Feldstraße nach dem ehemaligen OLG-Präsidenten Gottfried Kuhnt. Sie meinen, Kuhnt habe nicht genug Distanz zum NS-Regime eingehalten. Diese Angelegenheit wird am 24. Januar im Kulturausschuss weiter debattiert werden. Mittlerweile liegt ein neuer Vorschlag vor. Der Platz könnte “Platz der Erinnerung” heißen, denn ganz in der Nähe (Düppelstraße 23) befand sich die Zentrale der Gestapo, in der Menschen gefoltert wurden. Das schlägt Jens Rönnau vom Mahnmal Kielian vor.

Was plant Gerrit Schirmer für die Zukunft?

  • Für 2018 sind noch weitere Workshops und Veranstaltungen in der Planung, um an die Novemberpogrome von 1938 zu erinnern.

  • Zu seinen Arbeitsaufträgen gehört eine Neukonzipierung der Gedenkstätte im Rathaus.

  • Geplant ist ein Seminar mit dem Institut für Geschichtsdidaktik

  • Schirmer möchte in Workshops vermitteln, wie man historisch recherchiert. Auf dass ganz viele “Barfuss HistorikerInnen” einen neugierigen Blick auf Kiels Vergangenheit werfen.

Erinnerungskultur enthält das Wort Kultur. Das betont Gerrit Schirmer. “Erinnerung kann nicht forciert werden.” , sagt er . Es muss eine lebendige und vielseitige Kultur der Erinnerung geben, und zwar von unten. Dazu möchte er beitragen, indem er Ressourcen zur Verfügung stellt. Gerrit Schirmer erzählt so temperamentvoll und detailreich, dass ich wirklich Lust bekomme, mich mit Geschichte zu befassen, sogar mit dem dunklen Thema des Nationalsozialismus.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.