Praktikum in der Erstaufnahme


Allgemein, Stadtteile, Themen / 21. Februar 2016

Malte Krüger (23) hat Mitte Februar vier Monate Praxissemester in der Erstaufnahmeeinrichtung (EAE) am Nordmarksportfeld beendet. Eine Erfahrung nicht nur für das Studium sondern für das Leben. Ich sprach mit ihm nach seinem letzten Tag.

In den vier Monaten half er in der Sozialberatung, der Verfahrensberatung, unterrichtete Deutsch und machte Freizeitangebote.

Stipendiat beim Evangelischen Studienwerk
Malte Krüger

Die Belegung des Camps fluktuiert. Im November, als Malte sein Praktikum begann, war die Einrichtung, die für etwa 700 Personen ausgelegt ist, sehr voll. Die Bewohner bleiben mehrere Wochen, bis zu zwei Monate hier, bis eine andere Unterkunft für sie gefunden wurde. Manchmal verlässt dann ein ganzer Schwung gleichzeitig das Camp.

Langweile ist ein großes Problem. Es wird eine Woche lang Deutschunterricht angeboten, danach gibt es eigentlich nichts zu tun außer Schlange stehen, für die Taschengeldausgabe, für das Essen. Hier kommt es auch schon mal zu Aggressionen. Die Uni stellt lobenswerterweise Sportstätten zur Verfügung und das DRK bietet hier ein Sportprogramm an. Mit 30 Kindern zum Hallenhockey gehen, gehörte zu Maltes stressigsten Erfahrungen.

Im Camp gibt es neben der Mensa noch einen allgemeinen Aufenthaltsraum und einen Frauenraum. Außerdem verfügen VHS, Grundschule und Kita über Räume. Die Container werden mit vier Betten belegt.

Eine besondere Herausforderung sind die unbegleiteten Jugendlichen, die nur in der EAE bleiben, wenn sie dort Verwandte haben und wenn sie es wünschen. Sonst nimmt das Jugendamt sie in Obhut. Manchmal sind auch die Eltern minderjährig. Malte erinnert sich an eine schwangere 16-jährige mit Kind.

Malte sagt, man muss sich die Hygiene-Bedingungen wie auf einem Festival vorstellen. Vor allem wenn es regnet, wird es matschig im Camp, da die Container auf dem Feld stehen und der Matsch mit den Schuhen hineingetragen wird. Die Toiletten sind auch nicht immer ganz sauber. Das soll aber keine Kritik sein. Die meisten Flüchtlinge sind dankbar, nach den Strapazen der Flucht ein warmes Dach über dem Kopf zu haben.

Es gab Ausbrüche von Masern und Magen-Darm-Infekten. Die Kranken kamen in Quarantäne, was bedeutet, dass sie eine eigene Toiletten bekamen, und ihnen das Essen gebracht wurde. Mehr Isolation ist von den Räumlichkeiten her zur Zeit nicht möglich.

In der Beratung wird manchen Flüchtlingen , vor allem Osteuropäern geraten, freiwillig zurückzukehren und aus der Heimat eine Arbeitserlaubnis zu beantragen. Malte Krüger regt sich aber auf über die populistische Forderung nach schneller Abschiebung. Er sagt, oft ist es gar nicht möglich. Da war der tragische Fall eines Syrers in der Erstaufnahme, der in den Libanon wollte, als er erfuhr, dass seine Familie dorthin geflüchtet war. Aber das war nicht möglich, weil der Libanon keine aus Deutschland kommenden Syrer aufnimmt.

Malte Krüger war sehr angetan von dem Suchservice des DRK. Auch in Zeiten des Internets ist es machmal das DRK, das Familien zusammen führt. Besonders rührend ist es, wenn Kinder und ihre Eltern sich wieder finden.

In der Beratung erhalten die Geflüchteten einen ersten Überblick. Was gibt es wo in Kiel. Wie läuft das Asylverfahren.

Malte Krüger sagt, einerseits sind die Menschen auf der Flucht gut übers Internet vernetzt. Andererseits verbreiten sich auch falsche Information auf diesem Weg, wie das Gerücht vom Vorteil, keinen Pass zu haben. Es hat eigentlich nur Nachteile, den Pass wegzuwerfen.

Etwa 25 Mitarbeiter kümmern sich um die Camp-Bewohner. Dazu kommen noch Polizei und Security.

Malte Krüger war Stipendiat vom Evangelischen Studienwerk. Er studiert Wirtschaft, Politik und Deutsch, und engagiert sich bei den Kieler Grünen. Er sagt: “Populismus nervt unglaublich. Man muss sich mit den Einzelschicksalen befassen!” Dazu hatte er nun viel Gelegenheit und ist um vielfältige Begegnungen reicher.

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