Kiel: Schwentineflotte in Gefahr
Eigentlich fliegt bzw. „schwimmt“ die Schwentineflotte gerne unter dem Radar. Aber seit fünf Wochen sucht das alternative Wohnprojekt die Öffentlichkeit, um auf seine schwierige Situation aufmerksam zu machen: Ihr Liegeplatz im Plüschowhafen ist in Gefahr.
Die Schwentineflotte ist Deutschlands größtes und ältestes alternatives Wohnprojekt auf dem Wasser. Hier einige Zahlen, die verdeutlichen, wie umfangreich das Projekt ist:
50 Schiffe
18 Schiffe sind bewohnt
27 Menschen – im Alter von 1 bis über 70 Jahren – leben auf ihren Schiffen
2 Stege im Plüschowhafen
ein Vereinshaus mit Küche, Badezimmer und Sauna
Der Name stammt übrigens von ihrem früheren Liegeplatz. Seit 1998 sind sie im Plüschowhafen angesiedelt.
Die Marine möchte den Plüschowhafen für das Seebataillon
Im April erfuhr der Verein, dass die Marine das Seebataillon in Holtenau ansiedeln möchte und dafür nicht nur das MFG5-Gelände, sondern auch die ganze Wasserfläche am Plüschowhafen beansprucht. Wie schon berichtet, verhandelt die LH Kiel mit dem Bund über die Modalitäten eines Grundstückstausches, bei dem das MFG5-Gelände inklusive Plüschowhafen der Marine überlassen werden würde. Noch ist aber nichts entschieden, und viel hängt vom Verhandlungsgeschick des neuen Oberbürgermeisters und vom guten Willen der Bundeswehr ab.
Der Verein der Schwentineflotte beschloss in einer außerordentlichen Mitgliederversammlung, dass sie nicht gegen die Marine kämpfen wollen, sondern hoffen, bei den Verhandlungen einen guten Deal zu bekommen. Sie könnten sich eine Koexistenz mit der Marine vorstellen. Auch einen geeigneten anderen Liegeplatz würden sie akzeptieren. Das interne Ziel lautet: „Die Schwentineflotte bleibt zusammen und erhalten.“
Vera Fichtner vom Vorstand erklärte mir, warum es so wichtig ist, zusammenzubleiben. Auch wenn nur ein Teil der Boote bewohnt wird, funktioniert das Wohnprojekt nur zusammen mit den Bootseigentümern, die nicht dort wohnen. Es ist die Gemeinschaft, die dieses besondere Projekt ausmacht – ihre Hilfsbereitschaft und das kollektive Schiffsknow-how.
Bloß keine Deko!
Vera Fichtner, ihr Partner Wolf Schiebel, ein Sohn im Teenageralter und eine Katze leben auf einem Schiff, das sogar über eine biologische Kläranlage für Yachten verfügt. In der Kajüte können vier Personen am Tisch sitzen. Über allem thront die state-of-the-art-Kaffeemaschine, von der ich einen perfekten Espresso erhielt. Es ist schon eng, aber wer so lebt, braucht nicht viel Besitz. Das lernte ich schnell auf unserem Rundgang über die beiden Stege. „Ich will nichts mehr haben, auf keinen Fall Deko-Gegenstände“, sagte Marc Richau, der auf einem der größeren Schiffe wohnt.
Vera Fichtner verbrachte einmal einen Urlaub auf einem Hausboot. Danach wusste sie: Für ihr Glück braucht sie den Blick aufs Meer und eine gute Gemeinschaft. Hier hat sie es mit ihrer Familie gefunden.
Die Menschen in dieser Gemeinschaft sind sehr unterschiedlich: Unternehmer sind dabei, aber auch Menschen mit wenig Geld. Kinder, Rentner und alle dazwischen. Menschen mit Hunden oder Katzen. Menschen, die in See stechen, und andere, deren Schiffe eher im Hafen bleiben.
Dauerbaustelle Schiff
Auch mein kurzer Rundgang bestätigte meine Vermutung: An einem Schiff muss fortwährend gewerkelt werden. Das müsse man mögen, sagte Fiete Eckert, der gerade mit einem Motor unterm Arm sein Schiff ansteuerte. Neben den Wartungsarbeiten gibt es immer etwas zu reparieren, und wer so etwas richtig gerne macht, kauft sich ein kaputtes Boot, um es instand zu setzen. Dabei helfen die Vereinsmitglieder gerne. Sie haben auch kollektiv viel Know-how in maritimen Fragen.
Sichtbar werden
Am 20. Mai waren Ratsleute aus den Fraktionen zu Besuch. Vera Fichtner hofft, dass der Verein Fürsprecher in der Politik findet. „Kiel ist die Sailing City. Und wir sind ein Aushängeschild für Kiel als größtes alternatives Wohnprojekt auf dem Wasser in ganz Deutschland!“
Um auf sich aufmerksam zu machen, lädt die Schwentineflotte zu einer Demo zu Wasser und zu Land ein: am 30. Mai um 11 Uhr am Seehund-Becken.
Ich möchte diesem fabelhaften Projekt wirklich von Herzen wünschen, dass es weiter besteht.
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