Gepflanzte Schrift

Interview mit Andreas Galka über „Verkauftes Grün“

Der Naturwissenschaftler Andreas Galka hat ein Buch – „Verkauftes Grün“ – über den Konflikt um die Ansiedlung von zwei Möbelhäusern auf der Kieler Kleingartenanlage Prüner Schlag geschrieben – ganz aus der Perspektive der Bürgerbewegung, die es schaffte, einen Bürgerentscheid herbeizuführen und beinahe zu gewinnen, obwohl es wahrlich ein Kampf zwischen David und Goliath war, was die finanziellen Mittel betraf.

Das Beitragsfoto zeigt einen Buchstaben aus dem gepflanztem Slogan „Natur statt Möbel“. Hier der ganze Schriftzug aus der Luft:

Mobilisierung

Kiel aktuell:
Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, erinnere ich mich vor allem an das enorme Ungleichgewicht zwischen den Akteuren: Auf der einen Seite der Krieger-Konzern als einer der großen Player der Möbelbranche, auf der anderen Seite eine Vielzahl engagierter Bürger, die oft mit ganz einfachen Mitteln aktiv wurden – Sticker kleben, Flyer verteilen, Unterschriften sammeln. Wie ist es in deiner Wahrnehmung gelungen, so eine starke Mobilisierung zu erreichen?

Andreas Galka:
Die Mobilisierung wurde nicht „erreicht“ in dem Sinne, dass irgendjemand sie angestrebt hätte. Sie ergab sich von allein, weil viele Leute einfach sauer waren über das, was da über ihre Köpfe hinweg entschieden worden war. Die Menschen waren nicht bereit, zu akzeptieren, dass eine so große städtische Grünfläche an einen Konzern verkauft und bebaut werden sollte, ohne dass es darüber vorher eine Öffentlichkeitsbeteiligung im Sinne einer prinzipiell ergebnisoffenen Diskussion gegeben hätte – man hätte die Möbelhäuser ja auch an eine andere Stelle bauen können. Darauf reagierten manche Kommunalpolitiker in einer Weise, die als arrogant empfunden wurde, etwa wenn sie auf Kritik antworteten, „Sie können ja bei der nächsten Kommunalwahl wen anders wählen“; dies hat sicherlich zusätzliche Mobilisierung bewirkt.

Motivation für das Buch

Frage:
Was war deine Motivation, diese Chronik der Ereignisse aufzuschreiben? Ging es darum, dieses Kapitel der Kieler Stadtgeschichte vor dem Vergessen zu bewahren? Oder soll es exemplarisch aufzeichnen, wie so ein Prozess vonstatten geht?

Andreas Galka:
Es handelt sich schon um ein Stück Stadtgeschichte, immerhin war es der erste Bürgerentscheid überhaupt in dieser Stadt. Der Ablauf der Ereignisse war teilweise ziemlich kompliziert und erstreckte sich über ein volles Jahrzehnt; wer sich darüber informieren wollte, hatte dazu bisher kaum Möglichkeiten. Das Buch enthält auch einige bisher kaum bekannte, aber durchaus relevante Hintergrundinformationen. Hinzu kommt, dass die Thematik aktuell bleibt, da ja auch gegenwärtig weitere Teile des Kieler Grüngürtels durch Bauprojekte bedroht sind, etwa durch den Bau der A21 im Süden Kiels. Wer vielleicht in Zukunft in einer ähnlichen Situation eine Bürgerinitiative starten will, entweder wieder hier in Kiel, oder aber auch ganz woanders, kann in diesem Buch nachlesen, worauf er sich einstellen muss und welche unerwarteten Probleme auftreten können. Schließlich gibt es auch noch eine politische Motivation für das Buch: Ich möchte zeigen, wo es im Verhältnis zwischen politischer „Führungsschicht“ und Bevölkerung nicht so gut läuft. In einem Zeitalter, in dem die Demokratie immer tiefer in die Krise rutscht, scheint es mir, dass wir dringend darüber sprechen müssen.

Konflikte innerhalb der Bewegung

Frage:
Als jemand, der selbst am Rande in die Bewegung eingebunden war, weiß ich, dass es innerhalb der verschiedenen Gruppen immer wieder zu heftigen Konflikten kam. Warum ist es deiner Erfahrung nach so schwierig, trotz eines gemeinsamen Ziels dauerhaft harmonisch zusammenzuarbeiten?

Andreas Galka:
Das ist eine knifflige Frage. In der professionellen Politik soll es ja ähnlich sein, es gibt da diese Redensart von „Freunden, Feinden und Parteifreunden“. In einer Bürgerinitiative wird sozusagen „Demokratie von unten“ gemacht, und es ist ja auch sehr wichtig, von der Möglichkeit, so etwas zu tun, Gebrauch zu machen. Leider findet man so ziemlich alle Fehlentwicklungen, die aus der Politik bekannt sind, und die dann dem Ansehen der Demokratie Schaden zufügen, auch bei Bürgerinitiativen wieder. Konflikte sind einfach menschlich, insbesondere bei Themen, die den Engagierten am Herzen liegen. Hinzu kommt heutzutage ein zunehmender Mangel an Bereitschaft, überhaupt zu versuchen, Konflikte zu lösen. Die professionelle Politik reagiert auf diese Problematik mit aufwendigen Regelwerken, die verhindern, dass einzelne Konflikte gleich die ganze Gruppe sprengen. Bürgerinitiativen haben zumeist keine solchen Regelwerke und wollen das auch gar nicht. Dadurch sind sie aber oft weniger ausdauernd als die professionellen Parteien.

Freude und Herausforderungen beim Schreiben

Frage:
Was hat dir beim Schreiben des Buches am meisten Freude bereitet – und was war für dich die größte Herausforderung?

Andreas Galka:
Die größte Freude ist, wenn man endlich das fertige Buch in der Hand hält … aber auch Zwischenetappen, die man erreicht hat, bereiten Freude. Herausforderungen hält ein solches Projekt viele bereit. Da wären zum Beispiel potentielle juristische Probleme, die man ohne professionelle Beratung gar nicht beurteilen kann. Auch einen geeigneten Verlag zu finden, ist nicht leicht, aber da habe ich einen sehr wertvollen Tipp bekommen. Um die Druckvorlage selbst erstellen zu können, musste ich technisch viel dazulernen. Verglichen mit diesen technischen und organisatorischen Herausforderungen war die Arbeit an den eigentlichen Inhalten sehr angenehm. Vor allem über den intensiven Austausch mit vielen Menschen, die an den dargestellten Ereignissen beteiligt waren, habe ich mich sehr gefreut.

Das Email-Interview führte Ursula Shelton

Verkauftes Grün – Ein Kleingartengelände in Kiel, ein Möbelmarktzentrum und ein Bürgerentscheid: der Konflikt um den »Prüner Schlag«

von Andreas Galka

268 Seiten, 2 S/W- und 60 Farbabbildungen,
Broschur, 14,8x21cm,
ISBN: 978-3-86935-490-3

Buchdetails und Leseprobe

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