Martina Starke vom Beirat für Menschen mit Behinderung

Kiel: Engagement für Menschen mit Behinderung

Martina Starke von Kieler Beirat für Menschen mit Behinderung hielt die folgende Rede vor der Ratsversammlung, in der sie die vielen Facetten vom Leben mit Behinderung in Kiel beschreibt.

Sehr geehrte Frau Stadtpräsidentin, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, sehr geehrte Ratsfrauen und -herren, liebe Kolleg*innen des Beirats für Menschen mit Behinderung, werte Gäste.
Mein Name ist Martina Starke und ich bin behindert.
Sagt man „behindert“? Ist das überhaupt noch zeitgemäß und richtig?
Ich habe einen „Schwerbehindertenausweis“ und einen blauen „Parkausweis für Behinderte“.

Wir haben das Jahr 2025 und es ist immer noch nicht in den Köpfen der Menschen angekommen, dass Menschen mit Behinderung in die Mitte der Gesellschaft gehören und nicht an den Rand. Demnach gibt es für uns als Beirat noch viel zu tun.

Unser Beirat ist „besonders“. Besonders, weil wir Menschen ohne politische Erfahrung und größtenteils selbst beeinträchtigt sind – somit nicht so belastbar wie ein gesunder Mensch. Wir sind Menschen mit Beeinträchtigung, die teils gute, aber leider auch schlechte Tage haben, mit Betroffenen, die unterschiedlichen Pflegebedarf benötigen. Jeder von Ihnen, werte Anwesenden, wird sich früher oder später mit dem Thema Pflege auseinandersetzen müssen. Wenn nicht Sie selbst, dann werden vielleicht Ihre Angehörigen oder Freunde pflegebedürftig. Hier fehlt es an Personal und Geld. Wir als Stadt werden das Problem nicht lösen können, aber vielleicht können wir als Kommune den Betroffenen mit geringem Aufwand, Einsatz und Menschlichkeit alles etwas erträglicher machen.

Unsere 30 Beiratsmitglieder (19 ständige und 11 stellvertretende Mitglieder) setzen sich aus verschiedenen Organisationen, Selbsthilfegruppen und einigen wenigen politischen Vertretern zusammen.

Unsere Beiratsarbeit umfasst viele Themenbereiche, die sich immer wieder überschneiden.
Behinderung fängt nicht beim Blindenstock an und hört beim Rollstuhl auf.
Leider werden die „nicht sichtbaren Behinderungen“ oft übersehen und auch unterschätzt.
Das sind z. B. chronische Schmerzen, Krebs, Lernschwierigkeiten, Demenz …
„Psychische Erkrankungen“ in unterschiedlichen Formen.
All diese Menschen brauchen eine Stimme, unsere Stimme.

Sie merken schon, was ich eben mit „besonders“ meinte.
Manchmal sind wir erschöpft, brauchen mehr Pausen. Viele von uns sind auf häusliche Pflege, Assistenz oder einen Fahrdienst angewiesen. Aber wir haben wie andere Gremien auch Termine, an denen wir teilnehmen sollten, aber nicht immer können.

2021 lebten 50.000 MmB (Menschen mit Behinderung) in Kiel (20 % der gesamten Bevölkerung). Die wenigsten werden mit einer Behinderung geboren. Die Dunkelziffer ist weitaus höher.

2018 hat der BfMmB einen Antrag gestellt: „Die Arbeit am Leitbild und an der Teilhabeplanung für MmB soll weitergehen“ (3 Jahre daran gearbeitet).
Der BfMmB ist an der Umsetzung des Leitbildes für Barrierefreiheit beteiligt.

Wenn eine Behinderung eintritt
… kann das viele Ursachen mit verheerenden Auswirkungen haben:
Die ganze Lebensplanung gerät aus den Fugen, viele Behördengänge und Anträge gilt es zu überwinden. Eine Belastung für alle (Betroffene und Angehörige).

Gerade letzte Woche habe ich eine Berichterstattung im NDR von der Schuldnerberatungsstelle Kiel gesehen, die als Hauptgrund von Insolvenzen/Überschuldungen eine plötzliche Erkrankung als Grund angibt.

Ein besonderes Projekt:
Seit 2020 forscht eine Projektgruppe des BfMmB zum Thema „Menschen mit Behinderung während des Nationalsozialismus in Kiel“. Wir bedanken uns beim neu gegründeten Geschichtszentrum der LH Kiel, dass das Thema aufgegriffen hat. Gemeinsam mit einem Medizinhistoriker und dem Beirat wurde es zum Teil einer Dauerausstellung in der Hopfenstraße geschaffen. Es kann für wissenschaftliche Zwecke genutzt werden.

Wir bedanken uns bei unseren Mitgliedern Tania Apenburg und Maren Nitschke-Frank.
Sowie allen fleißigen Mitwirkenden im Beirat und der Geschäftsstelle sowie den Unterstützenden in Politik und Verwaltung.

Was ist Teilhabe?
Wir sprechen von „Teilhabe“ und „Barrierefreiheit“, als wären das Fortschritte, als wären es Ziele, auf die wir irgendwann stolz zurückblicken könnten. Dabei zeigen diese Begriffe in Wahrheit vor allem eines: dass Ausgrenzung immer noch der Standard ist. Dass wir solche Begriffe überhaupt brauchen, ist kein Zeichen von Fortschritt. Solange nicht jede Schule, jede Website, jedes Verkehrsmittel, jede Arztpraxis und jede Behörde selbstverständlich für alle zugänglich ist, sind Worte wie „Teilhabe“ kein Bonus, sondern Widerstand. Kein Ideal, sondern eine Richtung. Kein „wäre schön“, sondern ein „muss sein“.

Wir als BfMmB begleiten und beraten Sie gerne weiter und bitten darum, dass aus diesen Gründen unsere Expertise ernst genommen wird, unsere Anträge und Vorhaben umgesetzt werden.

Bericht
Nach diesem Überblick über die Besonderheiten unseres Beirates und unserer Mitglieder möchte ich zu meiner Berichterstattung kommen.

Wir hatten mit Beginn der Legislatur im Herbst 2023 einiges zu stemmen:
Anfang 2024 Wahl eines neuen Vorstandes und weiteren Neuwahlen sowie zusätzlich die Nichtbesetzung unserer GF aufgrund angespannter Personalsituation. Arbeiten unter erschwerten Bedingungen.

Seit diesem Spätsommer sind wir glücklicherweise in der Lage, dass das Arbeiten wieder möglich ist – mit einem gut aufgestellten Vorstand, einer sehr zuverlässigen GF sowie guter Mitarbeit aller Beiratsmitglieder.
Wir sind demnach wieder gerade vor und haben alte liegengebliebene Themen so ziemlich aufgearbeitet.

Veranstaltungen
• 05. Mai „Protesttag für MmB“ mit Redebeitrag und Videos sowie Interviews in TV und Rundfunk. Zu Recht kann ich sagen, dass es uns stolz macht, denn es ist eine enorme Herausforderung für unsere Mitglieder, sich zu öffnen und mit einem Beitrag anderen Mut zu machen.
• Infostände bei z. B. Festival, Leuchtturmfest, Mobilitätsfest, KiWo („Mitmachstand“)
• Teilnahme an Tagungen, Kongressen, Workshops im Landesbeirat
• Ortstermine/Begehungen
• Fortbildung „BF“ – „Praktischer Teil selbst erleben“

Sie sehen, wir sind sichtbar!

Beteiligung bei
• Kool Kiel (184 Whg.; 31 barrierefrei), Marthas Insel und andere Projekte im Städtebauprogramm (gerne mehr davon)
• Temporäres urbanes Mobiliar
• Beratungsstelle barrierefreies Bauen
• Förderung von Projekten
• Stadtbahn
• Holstein-Stadion
• Wunderino Arena (Barrieren beseitigen, unsichtbare Erkrankungen, guter Austausch)
• Brennpunkt Verkehrssituation vor Ärztehaus Prüner Gang
• Bauliche Maßnahmen an öffentlichen Plätzen im Stadtgebiet, z. B. Stresemannplatz und Anna-Pogwisch-Platz und Innenstadt
• Fußwegekonzept
• Inklusive Spielplätze; Öff. Spielplätze Amt für Kinder- und Jugendeinrichtungen – Standardentwicklungskonzept (Einbezogen werden wir auch in die Standardentwicklung zu öffentlichen Spielflächen)
• Leitsysteme im HBF, KVG-Bushaltestellen, Intros/KISS und Dunkelampel

KISS-Kiel:
Wir haben gemeinsam mit dem Blinden- und Sehbehindertenverein SH den EBK bei der Entwicklung des Projektes „Kieler Informationssysteme für alle Sinne – KISS-Kiel“ begleitet. Es hilft sehbeeinträchtigten Menschen, selbständig ihren Bus zu finden. Das System liegt nun in den Händen der KVG. KISS ist jetzt und in Zukunft ein fester Bestandteil der Busflotte. Wir wünschen uns eine ebenso gute Zusammenarbeit bei Wartung und Weiterentwicklung des Systems mit der KVG.

• KiWo, barrierefrei gestaltet – Umsetzung/Erweiterung auf alle Veranstaltungen (Papier wurde gerade erst aktualisiert abgestimmt)
• Strand Hasselfelde – haben wir aktiv mitgewirkt und finanziert
• Rollistrandkörbe in Schilksee
• AG 96 Workshopreihe für eine zukunftsfähige Ausrichtung der Eingliederungshilfe

(Immer wiederkehrende) Themen, die uns beschäftigen – DAUERTHEMEN:
• E‑Scooter – Zusammenarbeit mit anderen Gremien wünschenswert (OBR, SenB, MobF)
• ÖPNV
• Rollstuhltaxi
• Konflikte zwischen Zufußgehenden und Radfahrenden (z. B. seit 07/2024 bekannt OBR Ravensberg und andere; mehrere Unfälle und Beinaheunfälle durch Radfahrende auf dem Fußweg im Brauereiviertel)
• Barrierefreiheit allgemein (eigene große AG) – davon profitieren ALLE!
Wir freuen uns sehr, dass das Thema Barrierefreiheit als Querschnittsaufgabe in der Verwaltung angekommen ist.
• Mehr barrierefreie öffentliche WCs (in jedem Stadtteil), Badestelle barrierefrei, Holtenauer Straße – barrierefreier Zugang zu den Geschäften (fördern), barrierefreie Arztpraxen und Therapieeinrichtungen (Musterschreiben erstellt), barrierefreie Schulen, Sportstätten, Schwimmhallen
• Veranstaltungen jeder Art: KiWo/Weihnachtsmarkt, Flohmarkt, Umschlag … und Nachbesserung
Wir sind Standby zur KiWo – vorher, nachher und mittendrin. In Zusammenarbeit mit dem KiWo-Büro haben wir Kriterien für eine barrierefreie KiWo erarbeitet. Sie werden bereits umgesetzt. Wir wünschen uns, dass diese Kriterien als „Kieler Standard“ für alle Veranstaltungen in Kiel ausgerollt werden. Besonderer Dank an das KiWo-Büro für die gute Zusammenarbeit.
• Online-Präsenz (Homepage, Flyer) demnächst
• Aktionsplan – Es wird Zeit für den nächsten Schritt: Wir benötigen dringend den Aktionsplan, der die Aufgaben koordiniert. Wir begrüßen und unterstützen die Aktivitäten zur Schaffung einer Fachstelle und bitten um schnelle Umsetzung!

Ein Beispiel:
Ein zentraler Bestandteil aller Projekte – und damit aller Fachämter der Landeshauptstadt Kiel – muss von Anfang an die Kostenkalkulation für Barrierefreiheit sein. Es darf nicht vorkommen, dass Barrierefreiheit nachträglich nicht realisiert oder nur mit zusätzlichen finanziellen Mitteln umgesetzt werden kann, weil sie in der ursprünglichen Planung nicht berücksichtigt wurde.
BF gilt als vergleichsweise kosteneffizient, wenn sie früh eingeplant wird. Die Mehrkosten im Neubau betragen meist weniger als 2 %. Dennoch bleibt eine BF in vielen Projekten freiwillig. Wir wünschen uns, dass Kiel hier mutig vorangeht.

• Allgemeine Bürgeranfragen

Gremien, die für uns wichtig sind:
• BauA: wichtig für uns, da MmB auf barrierefreie Bauten angewiesen sind
• Schule/Bildung: Sind alle Bildungseinrichtungen barrierefrei?
• Seniorenbeirat: viele gemeinsame Themen
• Junger Rat: Es gibt auch junge MmB – wir wünschen uns da mehr Beteiligung

Wir möchten uns bei Ihnen, den Ratsfrauen und -männern, bedanken und würden es sehr begrüßen, wenn Sie uns bei Planungen noch mehr mit einbeziehen oder unseren Rat einholen.

Eine sehr gute Zusammenarbeit besteht seit längerem bereits u. a. mit dem Fußgängerbeauftragten beim Fußwegeachsenkonzept, dem KiWo-Büro und barrierefreies Bauen (Frau Deubel), dem Pressereferat und natürlich auch mit dem Amt für soziale Dienste.
Dafür möchten wir uns ganz herzlich bedanken!
Wir werden ernst genommen. Das ist unter anderem auch Ihnen zu verdanken.
Vielen Dank dafür!

Sprechen Sie lieber mit uns als über uns!

Wünsche
• Sicheren Fußverkehr herstellen
• Schaffung von Kieler Regelungen zur Nutzung von E‑Rollern
• Schaffung und Einhaltung von Fahrradverbotszonen
• Umsetzung des Aktionsplans

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.
Bleiben Sie gesund!
Ich bin Martina Starke – und ich bin beeinträchtigt.

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