Podiumsdiskussion: „Kriegstüchtiges Gesundheitswesen“ in der Pumpe
Gestern fand in der Pumpe eine Podiumsdiskussion zum Thema „Kriegstüchtiges Gesundheitswesen“ statt. Eingeladen hatte die Organisation IPPNW – International Physicians for the Prevention of Nuclear War. Dr. Mathias Holz berichtete über seine Arbeit mit Patienten aus der Ukraine. Frau Uta Rippel-Lau gab einen Überblick über die politischen Pläne, das deutsche Gesundheitswesen kriegstüchtig zu machen.
Behandlung ukrainischer Kriegsversehrter
Dr. Mathias Holz vom UKSH berichtete über die Versorgung von Kriegsverletzten aus der Ukraine. Da die Veranstaltung ursprünglich im UKSH stattfinden sollte, hatte er mit mehr medizinischem Fachpublikum gerechnet und entschuldigte sich für die teils schwer erträglichen Fotos, die er zur Veranschaulichung mitgebracht hatte.
Holz ist leitender Oberarzt für Unfallchirurgie, Orthopädie und plastische Chirurgie am UKSH in Kiel.
Die Herausforderung: Viele der 25 am UKSH behandelten Patientinnen und Patienten litten unter Knochenbrüchen und Verletzungen, die über lange Zeit nicht verheilt waren – ein Bild, das in der deutschen Unfallchirurgie kaum noch vorkommt.
Holz schilderte, wie sein Team moderne Methoden mit älteren Verfahren kombinierte. So wurde etwa der Knochen verkürzt, wie es in Deutschland in den 1950er Jahren üblich war. Mit einem Fixateur konnte der Knochen anschließend langsam heilen und sogar wieder nachwachsen.
Behandlung ohne Antibiotika: Phagentherapie als Option
Am Rande der Diskussion ging es auch um resistente Keime und die Phagentherapie – eine Methode, bei der Bakteriophagen (Viren, die Bakterien befallen) gezielt eingesetzt werden, um Erreger zu zerstören, auch antibiotikaresistene.
Diese Therapie wurde in der Sowjetunion genutzt, als Antibiotika knapp waren, spielte in Deutschland jedoch jahrzehntelang kaum eine Rolle.
Holz berichtete, dass es inzwischen Bestrebungen gebe, diese Methode wieder stärker zu erforschen. Er bedauerte jedoch das geringe Interesse der Pharmaindustrie, wodurch nur wenig Geld in diese Forschung fließe – obwohl er sie für vielversprechend hält.
Wer trägt die Kosten?
Die Behandlung ukrainischer Soldaten wird vom Land finanziert, für Zivilpersonen übernimmt die AOK die Abrechung der Kosten. Wie die AOK diese Ausgaben refinanziert, konnte auf dem Podium niemand beantworten.
Die Verteilung der Patientinnen und Patienten auf deutsche Kliniken erfolgt nach einem Schlüssel, der während der Corona-Pandemie entwickelt wurde. Es kommen Patienten mit einer guten Überlebenschance, die aber eine langwierige Behandlung benötigen. Einige der Verletzten waren bis zu ein Jahr in Behandlung.
Militarisierung des Gesundheitswesens ?
Dr. Holz betonte, dass er in seinem Arbeitsalltag bislang keine Militarisierung des Gesundheitswesens wahrnehme. Im Gegenteil: Durch die von der vorherigen Bundesregierung angestoßene Krankenhausreform werde es künftig weniger Kliniken und mehr Spezialisierung geben.
Für ein kriegstüchtiges Gesundheitswesen wären jedoch seiner Ansicht nach mehr, aber weniger spezialisierte Krankenhäuser sinnvoll.
Uta Rippel-Lau, Fachärztin aus Hamburg und ehemalige Vorstandsfrau der deutschen IPPNW-Sektion, berichtete über politische Bestrebungen, das deutsche Gesundheitswesen „kriegstüchtig“ zu machen.
2023 wurde die Nationale Sicherheitsstrategie verabschiedet, ein Jahr später folgten neue Rahmenrichtlinien. Erstmals wurde darin auch die Freihaltung von Handelswegen als sicherheitspolitisches Ziel genannt.
In Berlin entstand zudem ein zunächst nicht öffentlich geplanter Rahmenplan, der beschreibt, unter welchen Bedingungen stationäre Patientinnen und Patienten entlassen werden sollen, um Betten freizumachen.
Die deutschen Notstandsgesetze geben dem Staat weitreichende Befugnisse.
Rippel-Lau betonte jedoch, dass viele Fragen noch völlig ungeklärt seien, zumindest soweit öffentlich bekannt.
Nicht öffentlich zugänglich ist der Operationsplan Deutschland. Die Bundeswehr schreibt dazu:
„Das über 1.000 Seiten lange und im Detail geheime Dokument wurde ressortübergreifend erarbeitet und wird laufend aktualisiert.“ (Link siehe unten.)
Kriegsmedizin und medizinische Ethik
Im Medizinstudium lernen angehende Ärztinnen und Ärzte die Triage: Bei vielen Verletzten werden die Schwerstverletzten zuerst behandelt, um möglichst viele Leben zu retten.
In der Kriegsmedizin gilt jedoch die Reverse Triage: Leichtverletzte werden zuerst versorgt, damit sie schnell wieder einsatzfähig sind.
Das bringt medizinisches Personal in schwere ethische Konflikte.
Gefahr eines Atomkriegs
Die Psychiaterin Dr. Mechthild Klingenburg-Vogel warnte in ihrer Einführung eindringlich vor der Gefahr eines Atomkriegs.
Bei einem nuklearen Angriff könnten Ärztinnen und Ärzte kaum helfen. Ihr Appell: Nicht kriegstüchtig werden, sondern abrüsten und verhandeln.
Sie erinnerte daran, dass die Welt bereits mehrfach nur knapp an einem Atomkrieg vorbeigeschrammt sei.
Würde Deutschland im Ernstfall zur logistischen Drehscheibe der NATO, wäre Kiel aufgrund seines Hafens und der Rüstungsindustrie besonders gefährdet.
Die Vorwarnzeit für einen Präventivschlag habe sich auf wenige Minuten verkürzt – Entscheidungen müssten dann unter extremem Druck getroffen werden.
„Mit dem Kurbelradio in den Keller“
In der Diskussion wurde mehrfach betont, dass Krieg nicht verharmlost werden dürfe.
Die Empfehlung, bei einem nuklearen Angriff mit Kurbelradio und Wasser für 24 Stunden in den Keller zu gehen, greife viel zu kurz. Auch konventionelle Kriege sind fürchterlich, hinterlassen massive physische und psychische Verwüstungen.
Zum Schluss
Die Moderatorin bedauerte, dass es derzeit keine breite Friedensbewegung auf den Straßen gibt. Es wurden Flyer für den Ostermarsch in Kiel verteilt. Er beginnt am Platz der Matrosen um 12 Uhr am 4. April.
(Das Beitragsbild zeigt einen Behandlungsraum auf einem Kriegsschiff. )
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