Warum gibt es so viele Glücksspielautomaten in Kiel-Gaarden?

In Kiel stehen 653 gemeldete Glücksspielautomaten. Allein 207 davon befinden sich in Gaarden – also fast ein Drittel. Die tatsächliche Zahl dürfte jedoch höher liegen, wie Polizeikontrollen zeigen: So wurden bei einer Razzia im Dezember 2023 in Kiel 58 illegale Automaten entdeckt.

In der Ratsversammlung am 15. Januar führte Fabian Voß (AfD) den sozialen und wirtschaftlichen Abstieg als Ursache für die Zunahme des Glücksspiels an. „Aus der Perspektivlosigkeit gehen die Menschen ins Glücksspiel oder in die Drogen“, sagte er. Tatsächlich leben in Gaarden viele Menschen mit geringem Einkommen und eingeschränkten Zukunftschancen. Das könnte eine Erklärung sein – aber ist es die richtige?

Eine andere Erklärung ginge so: Nicht die Menschen ziehen das Glücksspiel an, sondern das Glücksspiel zieht die Menschen hinein. Spielhallen siedeln sich bevorzugt dort an, wo die Mieten niedrig sind und wenig Widerstand zu erwarten ist. Das ist in Gaarden der Fall. Die hohe Dichte an Automaten schafft wiederum ein Umfeld, in dem der Einstieg ins Spielen besonders leicht fällt. Verfügbarkeit ist einer der stärksten Risikofaktoren für problematisches Glücksspiel.

Was ist Glücksspiel?

Man unterscheidet zwischen zwei Arten von Glücksspiel: Die reinen Glücksspiele und die sogenannten Kompetenzspiele wie Sportwetten oder Poker. Bei Letzteren können eigene Entscheidungen den Ausgang beeinflussen – dennoch gelten auch sie als potenziell suchtauslösend. In Deutschland benötigen alle öffentlich angebotenen Glücksspiele eine behördliche Erlaubnis.

Glücksspiele können abhängig machen. Typisch ist, dass Betroffene immer mehr Zeit und Geld investieren. Eine Rolle spielt vermutlich das Belohnungssystem im Gehirn: Gewinne führen zu einer Ausschüttung von Dopamin. Mit der Zeit gewöhnt sich der Körper daran, sodass höhere Einsätze oder längeres Spielen nötig werden, um denselben Effekt zu erzielen. Bei Automatenspielsucht wirken zusätzlich die Geräuschkulissen, Lichteffekte und die abgeschottete Atmosphäre der Spielhallen.

Die Folgen sind gravierend: Vernachlässigung des Alltags, Konflikte in Beziehungen, Verlust von Hobbys, Verschuldung, Angst, Depressionen sowie Scham- und Schuldgefühle. Der Glücksspielforscher Tobias Hayer beschreibt es drastisch: „Spätestens wenn die Sparschweine der eigenen Kinder geplündert werden, beginnt auch das schlechte Gewissen zu wachsen.“

Wer ist besonders gefährdet?

Grundsätzlich kann jede Person eine Spielsucht entwickeln. Fachleute nennen jedoch Faktoren, die das Risiko erhöhen:

  • genetische Veranlagung, darunter männliches Geschlecht
  • psychische Erkrankungen
  • leichte Verfügbarkeit von Glücksspielangeboten
  • Einfluss von Werbung
  • Freundeskreis, in dem gespielt wird
  • Tätigkeiten im Transportgewerbe
  • Arbeit in Spielhallen

Statistiken zeigen zudem, dass Menschen mit Migrationshintergrund überdurchschnittlich häufig betroffen sind. Das kann mehrere Gründe haben: Viele leben in Stadtteilen mit niedrigen Mieten, in denen sich besonders viele Spielotheken ansiedeln. Geflüchtete bringen zudem oft traumatische Erfahrungen mit und stoßen aufgrund sprachlicher Barrieren auf Hürden beim Zugang zu therapeutischer Hilfe.

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